Eine einzige streunende Katze tötet mehr Vögel als ein grosses Windrad (Update)

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Die grösste Gefahr für die Vögel ist der Klimawandel. Windkraft hilft dem Klima und somit auch den Vögeln. In der Diskussion muss zudem die Verhältnismässigkeit gewahrt werden: Eine einzige streunende Katze richtet mehr Schaden an als ein modernes Windrad.


Petar Marjanović schreibt dazu in saldo 08/2024 (2.5.2024): Tatsache ist: Die heute 47 Windräder in der Schweiz sind für Vögel vergleichsweise harmlos. Die Vogelwarte Sempach zählte 2021 unter einer sehr exponierten Anlage 69 Vogelkadaver.
Auf die Schweiz hochgerechnet, ergäbe dies pro Jahr knapp 3250 tote Vögel durch Windkraft.

Viel gefährlicher sind Hauskatzen. 2013 zeigte eine Studie des Smithsonian-Instituts (USA) mit Daten auch aus Europa, dass eine einzige Katze pro Jahr 33 bis 48 Vögel tötet.

In der Schweiz gibt es rund 1 Million Hauskatzen mit Auslauf ins Freie. Das Bundesamt für Energie schätzt die Zahl der durch Katzen getöteten Vögel auf jährlich 30 bis 50 Millionen. Laut Bundesamt sterben zudem rund 5 Millionen Vögel pro Jahr, weil sie in Glasfassaden flogen.

Vogelwarte Sempach: Komplexe Diskussion

Die Vogelwarte Sempach macht geltend, dass nackte Zahlen nicht weiterhelfen. Die Frage «Was ist die grösste Gefahr für Vögel in der Schweiz?» werde immer wieder gestellt. Oft werde bei der Beantwortung dieser Frage mit der Anzahl getöteter Vögel argumentiert. Doch damit liesse sich die Frage nicht beantworten.

Das Beispiel der Windenergieanlagen verdeutliche, wie komplex die Diskussion um eine einzige Gefährdungsursache sein kann. Windenergieanlagen würden oft fernab von Siedlungen gebaut, um uns Menschen wenig zu beeinträchtigen. Dort aber verursachten sie Lebensraumverluste, weil gewisse Vögel etwa vertikale Strukturen oder den Schattenwurf der Rotoren meiden. Hinzu kämen neue Strassen, Leitungen und ähnliche Infrastrukturen zur Erschliessung eines Windparks, welche die letzten Rückzugsräume gefährdeter Arten weiter zerschneiden. Durch die verbesserte Zugänglichkeit im Zuge der Installation kämen häufig zusätzliche Beeinträchtigungen hinzu, etwa durch eine intensivere Landnutzung und vermehrten Störungen durch Freizeitaktivitäten.

Die Vogelwarte untersuchte zwischen Februar und November 2015 im Windpark bei Le Peuchapatte im Jura, wie viele Zugvögel an Windenergieanlagen verunfallen. Neben systematischer Schlagopfersuche wurde mittels Radar auch die Vogelzugintensität gemessen. Im Mittel kollidierten dort pro Jahr und Windenergieanlage 20,7 Vögel.

Fazit aus Sicht Pro Wind Aargau

  • Windkraftanlagen müssen strikte Standortbedingungen erfüllen. Bei der Planung von Windkraftanlagen wird der Einfluss auf die Natur systematisch geprüft, und es werden Schutz- und Ausgleichsmassnahmen verfügt.
  • Moderne Anlagen verfügen über Radar. Sie vermeiden aktiv, dass Vögel und Fledermäuse getroffen werden.
  • In den wenigen verfügbaren Studien verursachen selbst exponierte Windkraftanlagen nur wenige Todefälle bei Vögeln. Der Schaden ist vergleichbar mit dem Schaden einer einzigen streunenden Katze.
  • Katzen töten gemäss dem zuständigen Bundesamt 30 bis 50 Millionen Vögel jährlich. Weitere 5 Millionen sterben schätzungsweise im Strassenverkehr.
  • Windkraftanlagen beeinflussen Lebensräume positiv (Klimaschutz, Ausgleichsmassnahmen) und negativ (Störungen von Lebensräumen). Aber: Auch streunende Katzen oder der Strassenverkehr beeinflussen Lebensräume von Vögeln negativ und mit massiven Folgen, ohne dass darüber bisher eine ernsthafte Diskussion stattfindet.

Die Verhältnismässigkeit wahren: eine einzige streunende Katze tötet mehr Vögel als ein grosses Windrad.

Update Studien

Quelle: Suisse Eole, Stand vom 10.4.2026

Auf dem Gotthard produzieren seit 2020 fünf Windräder Strom. Die Produktion deckt den privaten Stromverbrauch von über 10’000 Menschen. Im Auftrag des Kantons Tessin hat die regionale Energieversorgerin AET, die Betreiberin des Parks, das Tessiner Studio Alpino mit einer Vogelstudie beauftragt. Ziel war, die Wirksamkeit des Vogelradars zu überprüfen. Die Ergebnisse wurden nun in der Fachzeitschrift Journal of Environmental Management veröffentlicht.

Von August 2021 bis Juni 2024 wurde jeweils während der beiden Vogelzugperioden zwischen März und Juni sowie zwischen August und November das Terrain abgesucht, teils auch mit Suchhunden. «Die Studie zeigt, dass insgesamt lediglich 107 Vögel zu Schaden gekommen sind», stellt Lionel Perret fest, «damit wurden 99.99 Prozent der 1’700’000 Vögel, die das Radarsystem erfasst hat, von den Windrädern nicht behindert. Lediglich 0.01 Prozent wurden getötet.»

«Die 107 Vögel, die auf dem Gotthard tatsächlich tot aufgefunden wurden, entsprechen in etwa dem Speisezettel einer Katze in demselben Zeitraum!» rechnet Lionel Perret vor. Die Studie reiht sich ein in eine Reihe von Studien, die zu dem gleichen Ergebnis kommen: Vergangenen Herbst hat Romande Energie gemeinsam mit dem Kanton Waadt für den Windpark Ste-Croix bekannt gegeben, dass auch dort die Beeinträchtigung für die Vögel sehr gering ist: Pro Windkraftanlage kamen 2024 etwa 3 bis 5 Individuen zu Schaden (News vom 11.11.25) .

Auch eine im Herbst 2025 veröffentliche deutsche Studie gibt Entwarnung: Sie belegt, dass Zugvögel Windenergieanlagen fast vollständig meiden und das Kollisionsrisiko deutlich geringer ist als bisher angenommen. Mit über 99.8 Prozent der tag- und nachtziehenden Vögel mied ein deutlich grösserer Anteil die Anlagen als bislang angenommen (News vom 2.12.25).


Links

Suisse Eole, 2026: Studie zum Windpark Gotthard

saldo 08/2024: Schweiz in Zahlen: Windräder für Vögel harmloser als Katzen (kostenpflichtiger Artikel)

Pointet François, Geschäft 21.8110 des Parlaments: Windkraftanlagen als Vogelkiller? Und was ist mit der Infrastruktur und den Hauskatzen? Antwort des Bundesrats.

Vogelwarte Sempach im Auftrag des Bundesamts für Energie (2016): Vogelzugintensität und Anzahl Kollisionsopfer an Windenergieanlagen am Standort Le Peuchapatte (JU)

Vogelwarte Sempach, 2023: Nackte Zahlen helfen nicht weiter

Vogelwarte Sempach, Standpunkt: Windenergienutzung und Vogelschutz

Tages-Anzeiger: Turbine 3 tötete mehr Vögel als alle anderen –
für die Forschung war das ein Glücksfall
(Paywall, PDF-Download)